NewYorck im Bethanien - Raum emanzipatorischer Projekte
Leben und Arbeiten als Zukunftsmodell
Die Mischung aus Leben und Arbeiten im Kontext künstlerischer,
politischer und sozialer Projekte ist eigentlich nichts neues. So bildeten
sich in den 70er Jahren, der Hoch-Zeit verschiedener künstlerischer
und sozialer Projekte in New York, verschiedene
Kollektive, die gemeinsam kreativ und politisch
arbeiteten und lebten. Bekannte Beispiele
sind das "Living Theatre" oder
Andy Warhols "Factory". Heute sind
es das "Rhino" in Genf, das "La
General" in Paris oder die "Ufa-
Fabrik" in Berlin-Tempelhof.
Eine vergleichbare Nutzung findet
seit 1975 im Hauptgebäude
des Bethanien durch das Atelierprogramm
der "Künstlerhaus
Bethanien GmbH" statt. Hier ist
individuelles Wohnen und Arbeiten
mit dem Schwerpunkt "Kunstproduktion"
ebenfalls eng miteinander verwoben.
Die verbindliche Gemeinsamkeit und das Hauptinteresse
der im Projekt "NewYorck" zusammenlebenden und arbeitenden
Menschen ist es, einen öffentlichen Raum zu schaffen, zu
erhalten und qualitativ weiter zu entwickeln, der allen interessierten
Menschen in dieser Stadt als Ort der sozialen, politischen und
künstlerisch-kulturellen Begegnung und Kreativität dient. Seit
mehr als einem Jahr leben und arbeiten eine Vielzahl von Menschen
und Projekten auf zwei Etagen im Südflügel des Bethanien-Hauptgebäudes.
Gefragt ist nicht ein Abkapseln gegenüber der gesellschaftlichen
Umwelt, sondern eine offensive Thematisierung ihrer
Widersprüche, die selbstbewußte Einmischung in politische Entscheidungen,
sowie die fundierte Entwicklung von Handlungsalternativen.
Die Entstehung der NewYorck
Das politische Hausprojekt NewYorck ist entstanden durch die Räumung
des Hausprojektes "Yorck59", das von 1988 - 2005 in gemieteten
Räumen in der Kreuzberger Yorckstrasse beherbergt war. Es ist
somit eines der ältesten Berliner Hausprojekte, das beharrlich mit
kritischem Engagement Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen
und politische Entscheidungen nimmt. Im Jahre 2003 wechselte
das Gebäude Yorckstrasse 59 den Eigentümer, der neue Investor
forderte von den NutzerInnen eine Verdoppelung der Miete. Trotz
einem Jahr kreativen Hauskampfs wich der neue Eigentümer nicht
von seiner Forderung ab; PolitikerInnen konnten oder wollten ihn
auch nicht von seinem Kurs abbringen. Eine
Woche nach der gewaltsamen Räumung
des Gebäudes im Juni 2005 besetzten
"Yorckies" und viele UnterstützerInnen
friedlich zwei leerstehende Etagen
im Südflügel des Bethanien-
Hauptgebäudes, um ihr Hausprojekt
weiterzuführen. Damit wurde
der Keim gelegt, aus dem sich innerhalb
kürzester Zeit die "NewYorck -
Raum emanzipatorischer Projekte"
entwickelt hat.
Was ist die NewYorck?
Die in der NewYorck lebenden und arbeitenden Menschen eint die
Überzeugung, in konstruktiven Auseinandersetzungen menschlich
zu wachsen und durch emanzipative Impulse autoritäre Gesellschaftsvorstellungen
zurückzudrängen. In Zeiten von Individualisierung
und unpolitischer Vereinzelung demonstriert Zusammenleben
und politisches Engagement die Existenz von Alternativen nach
außen. "Politik" ist hier nicht eine Berufsbezeichnung, sondern
bedeutet direkte Einmischung und Mitgestaltung. "Bürgerschaftliches
Engagement" wird hier nicht nur als hohle Phrase vertreten, sondern gelebt.
Es wird ebenfalls versucht, die politischen Ansprüche heute schon
zu leben. In bewusster Auseinandersetzung miteinander werden oft
selbstverständliche Hierarchien hinterfragt und abgebaut - etwa
zwischen Menschen verschiedener Geschlechter, verschiedener Bildungsgrade,
verschiedenen Einkommens und verschiedener kultureller
Hintergründe. Auf regelmässig stattfindenden Gesamttreffen
aller HausprojektlerInnen werden nicht nur technische und organisatorische
Fragen geklärt, sondern auch politische Diskussionen
geführt. Entscheidungen werden nicht nach dem Mehrheitsprinzip
getroffen, sondern eine Konsensfindung angestrebt. Ein internes
Umverteilungssystem sorgt dafür, materielle Ungleichgewichte
abzubauen. Die hier lebenden Menschen sind an der Arbeit in den
Büros und den Veranstaltungsräumen aktiv und ehrenamtlich
beteiligt und tragen dazu bei, dass Räume langfristig für wenig Geld
oder umsonst genutzt werden können. So wird auch die hohe Flexibilität
gewährleistet, die spontane, temporäre und sehr unterschiedliche
Nutzungen erst ermöglicht.
NewYorck: ein unvollständiger Überblick
über Gruppen und Aktivitäten
Im vorher leerstehenden Südflügel des Bethanien herrscht seit nunmehr
über einem Jahr reges Leben.
Viele unterschiedliche Menschen mit vielen Ideen und viel Energie
leben hier in kollektiven, politischen Zusammenhängen und sind
aktiv an der öffentlichen Nutzung der Räume beteiligt.
Eine Vielzahl von Gruppen und Initiativen
nutzt die Räume für Büros, Treffen und
Veranstaltungen. Das Spektrum der
Gruppen und Veranstaltungen ist
dabei sehr vielfältig - wie aus dem
folgenden kleinen Überblick zu
ersehen ist.
Im Kollektiv für Kunst, Kultur
und Kommunikation (KuKKuK)
arbeiten KünstlerInnen in
Ateliergemeinschaft (Bereich
Darstellende Kunst: Puppenspielwerkstatt;
Theater- und Tanzworkshops,
Aktionskunst, Theaterpädagogische
Gesprächsrunden - Bereich Bildende
Kunst: Malerei, Bildhauerei, Photographie).
Arbeitsschwerpunkte der Dokumentationsstelle der Antirassistischen
Initiative sind Recherche und Veröffentlichung der Auswirkungen
staatlicher und gesellschaftlicher Gewalt auf Flüchtlinge.
Unlängst erschien die 13.Auflage der Dokumentation "Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen". Diese Arbeit ist
in ihrer Aktualität (1993 bis 2005) und ihrem Umfang (4700 Einzelgeschehnisse)
einmalig in der BRD und deshalb seit Jahren eine
wichtige Informationsquelle für alle Menschen, die im Bereich
"Flüchtlingspolitik" arbeiten.
Die Gruppe Libertad! Berlin organisiert von hier aus ihre Arbeit zu
politischen Gefangenen weltweit.
Die Initiative Zukunft Bethanien (IZB) hat
hier ihr Büro mit regelmäßigen Öffnungszeiten
und als Zentrale der Kampagne
für das (inzwischen erfolgreiche)
BürgerInnenbegehren zur
Zukunft des Bethanien.
Im G8-Büro werden Informationen
zum G8-Gipfel im Sommer
2006 in Russland und im Sommer
2007 in Heiligendamm bei Rostock
gesammelt und der Widerstand dagegen
organisiert.
Die BUKO (Bundeskoordination Internationalismus,
ein bundesweiter Zusammenschluss
entwicklungspolitischer Aktionsgruppen)
hat ebenfalls ihr Aktionsbüro im Südflügel. Hier wurde u.a.
der 29. BUKO-Kongress organisiert, der im Mai 2006 in Berlin zu
den Themen Stadt/Sicherheit, G 8, Migration/Kolonialismus und
Energie stattfand.
Die Kolumbienkampagne arbeitet zu Menschenrechtsverletzungen
in Kolumbien und unterstützt u.a.Menschenrechtsarbeit vor Ort.
Bei der regelmäßig stattfindenden DruzbaR gibt es Essen, Getränke,
Musik und Cocktails zum Selbstkostenpreis, oft verbunden mit
politischen Veranstaltungen zu verschiedensten Themen, Konzerten
oder Filmen.
Die wöchentlich stattfindende Transnationale Noche Latina verbindet
gemeinsames Essen, politische Filme aus Lateinamerika und
Diskussion.
Beim Anarchistischen Infocafe gibt es zwei bis drei Mal im Monat
Veranstaltungen zu diversen Themen (Geschichte und Geschichtsbegriffe,
Arbeitsverhältnisse etc.).
Jeden Sonntag gibt es beim Kiezcafe mit Kaffee und Kuchen das
Angebot des offenen Treffpunktes, bei dem verschiedenste Menschen
die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen und zu vernetzen,
oftmals ergänzt durch ein kleines Rahmenprogramm (Kinderveranstaltungen,
Tortenwettbewerb, Infoveranstaltungen).
Sportgruppen treffen sich regelmäßig, um selbstorganisiert Capoeira
zu trainieren sowie Yoga zu praktizieren.
Diverse Gruppen nutzen die Räume für Treffen oder öffentliche
Veranstaltungen zu diversen Feldern emanzipativer Politik (Frauenkoordination
gegen den G 8, Mütter setzen Grenzen, Cafe Morgenrot,
No Service, Hans-Böckler-Stiftung, regionale und überregionale
Vernetzungsprojekte und viele mehr).
Selbstorganisierte Zusammenhänge von Menschen mit migrantischem
Hintergrund treffen sich hier regelmäßig und führen öffentliche
Veranstaltungen durch.
Eine Offene Arbeitsbibliothek mit bereits über 1000 Büchern
unterstützt diverse politische Gruppen bei ihrer Arbeit, steht aber
auch allen anderen Interessierten zur kostenfreien Weiterbildung
zur Verfügung.
Internationale KünstlerInnen, AktivistInnen und ReferentInnen
nutzten regelmäßg die angebotenen Übernachtungsmöglichkeiten.
Zwölf Wochen lang fanden Theaterproben zu dem Stück "Biene
Maja und die Folgen des Faschismus" statt, das derzeit in Berlin
und Hamburg gespielt werden wird. Eine Frauentheatergruppe
probt wöchentlich für eine Aufführung im Herbst, tagsüber werden
Räume von einer Improvisationstheater-Gruppe genutzt.
Die Städtepartnerschaftsgruppe Kreuzberg - Nicaragua/
San Rafael probte hier für ihren Auftritt beim
Karneval der Kulturen.
In Zusammenarbeit mit dem Lektorat für
Baskisch an der Freien Universität Berlin
organisierte die IZB im Mai hier
eine Veranstaltungsreihe unter dem
Titel "Erinnerung an Gernika -
Gernika gogoratuz" zu der Zerstörung
Gernikas durch die Legion
Condor 1937 und der deutschen
Erinnerungspolitik in West und
Ost.
Ideenwerkstätten zur Zukunft des
Bethanien wurden hier durchgeführt.
Regelmässig finden Offene Kieztreffen zu aktuellen Themen mit AnwohnerInnen und
selbstorganisierten Basisorganisationen statt.
Die NewYorck im Bethanien
Die NewYorck ist, ebenso wie die Musikschule, die Druckwerkstatt
und das KünstlerInnenhaus, ein eigenständiges und unverwechselbares
Projekt, das eine Ausstrahlung über den Kiez hinaus bereits
entwickelt hat und weiter ausbauen wird. Es ist eine wertvolle Bereicherung
für den Bezirk, die Stadt Berlin und natürlich das Bethanien
selbst. Nachts belebt die Existenz der NewYorck den sonst dunklen
Park (übrigens bis heute Ort vielfältiger, oft gewaltsamer Übergriffe).
Tagsüber wird die NewYorck von ganz verschiedenen Menschen
besucht und trägt dazu bei, das Bethanien-Hauptgebäude für
ganz unterschiedliche Menschen attraktiv zu machen.
Die NewYorck versteht sich als Teil eines größeren
Zusammenhangs. Sie ist vielfach vernetzt mit anderen
Projekten in Kreuzberg und Berlin, in Deutschland
und Europa, und über Europa hinaus. Die New-
Yorck ist ein tragendes Element innerhalb des
Gesamtkonzeptes der IZB für ein "Bethanien
von Unten" und gerade für die Öffnung des
Hauses nach außen und bei der Einbindung
neuer Gruppen und Personen in das Gebäude
unverzichtbar. Sie ist das Projekt, das nicht
nur wegen seiner Praxis immer wieder Impulse
für die Umsetzung des Konzeptes geben
kann.
Berlin Kreuzberg, August 2006
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