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14.03.2010

NewYorck im Bethanien - Raum emanzipatorischer Projekte

Leben und Arbeiten als Zukunftsmodell

Die Mischung aus Leben und Arbeiten im Kontext künstlerischer, politischer und sozialer Projekte ist eigentlich nichts neues. So bildeten sich in den 70er Jahren, der Hoch-Zeit verschiedener künstlerischer und sozialer Projekte in New York, verschiedene Kollektive, die gemeinsam kreativ und politisch arbeiteten und lebten. Bekannte Beispiele sind das "Living Theatre" oder Andy Warhols "Factory". Heute sind es das "Rhino" in Genf, das "La General" in Paris oder die "Ufa- Fabrik" in Berlin-Tempelhof.

Eine vergleichbare Nutzung findet seit 1975 im Hauptgebäude des Bethanien durch das Atelierprogramm der "Künstlerhaus Bethanien GmbH" statt. Hier ist individuelles Wohnen und Arbeiten mit dem Schwerpunkt "Kunstproduktion" ebenfalls eng miteinander verwoben.

Die verbindliche Gemeinsamkeit und das Hauptinteresse der im Projekt "NewYorck" zusammenlebenden und arbeitenden Menschen ist es, einen öffentlichen Raum zu schaffen, zu erhalten und qualitativ weiter zu entwickeln, der allen interessierten Menschen in dieser Stadt als Ort der sozialen, politischen und künstlerisch-kulturellen Begegnung und Kreativität dient. Seit mehr als einem Jahr leben und arbeiten eine Vielzahl von Menschen und Projekten auf zwei Etagen im Südflügel des Bethanien-Hauptgebäudes. Gefragt ist nicht ein Abkapseln gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt, sondern eine offensive Thematisierung ihrer Widersprüche, die selbstbewußte Einmischung in politische Entscheidungen, sowie die fundierte Entwicklung von Handlungsalternativen.

 


Die Entstehung der NewYorck

Das politische Hausprojekt NewYorck ist entstanden durch die Räumung des Hausprojektes "Yorck59", das von 1988 - 2005 in gemieteten Räumen in der Kreuzberger Yorckstrasse beherbergt war. Es ist somit eines der ältesten Berliner Hausprojekte, das beharrlich mit kritischem Engagement Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen nimmt. Im Jahre 2003 wechselte das Gebäude Yorckstrasse 59 den Eigentümer, der neue Investor forderte von den NutzerInnen eine Verdoppelung der Miete. Trotz einem Jahr kreativen Hauskampfs wich der neue Eigentümer nicht von seiner Forderung ab; PolitikerInnen konnten oder wollten ihn auch nicht von seinem Kurs abbringen. Eine Woche nach der gewaltsamen Räumung des Gebäudes im Juni 2005 besetzten "Yorckies" und viele UnterstützerInnen friedlich zwei leerstehende Etagen im Südflügel des Bethanien- Hauptgebäudes, um ihr Hausprojekt weiterzuführen. Damit wurde der Keim gelegt, aus dem sich innerhalb kürzester Zeit die "NewYorck - Raum emanzipatorischer Projekte" entwickelt hat.

 


Was ist die NewYorck?

Die in der NewYorck lebenden und arbeitenden Menschen eint die Überzeugung, in konstruktiven Auseinandersetzungen menschlich zu wachsen und durch emanzipative Impulse autoritäre Gesellschaftsvorstellungen zurückzudrängen. In Zeiten von Individualisierung und unpolitischer Vereinzelung demonstriert Zusammenleben und politisches Engagement die Existenz von Alternativen nach außen. "Politik" ist hier nicht eine Berufsbezeichnung, sondern bedeutet direkte Einmischung und Mitgestaltung. "Bürgerschaftliches Engagement" wird hier nicht nur als hohle Phrase vertreten, sondern gelebt.

Es wird ebenfalls versucht, die politischen Ansprüche heute schon zu leben. In bewusster Auseinandersetzung miteinander werden oft selbstverständliche Hierarchien hinterfragt und abgebaut - etwa zwischen Menschen verschiedener Geschlechter, verschiedener Bildungsgrade, verschiedenen Einkommens und verschiedener kultureller Hintergründe. Auf regelmässig stattfindenden Gesamttreffen aller HausprojektlerInnen werden nicht nur technische und organisatorische Fragen geklärt, sondern auch politische Diskussionen geführt. Entscheidungen werden nicht nach dem Mehrheitsprinzip getroffen, sondern eine Konsensfindung angestrebt. Ein internes Umverteilungssystem sorgt dafür, materielle Ungleichgewichte abzubauen. Die hier lebenden Menschen sind an der Arbeit in den Büros und den Veranstaltungsräumen aktiv und ehrenamtlich beteiligt und tragen dazu bei, dass Räume langfristig für wenig Geld oder umsonst genutzt werden können. So wird auch die hohe Flexibilität gewährleistet, die spontane, temporäre und sehr unterschiedliche Nutzungen erst ermöglicht.

 


NewYorck: ein unvollständiger Überblick über Gruppen und Aktivitäten

Im vorher leerstehenden Südflügel des Bethanien herrscht seit nunmehr über einem Jahr reges Leben.
Viele unterschiedliche Menschen mit vielen Ideen und viel Energie leben hier in kollektiven, politischen Zusammenhängen und sind aktiv an der öffentlichen Nutzung der Räume beteiligt.
Eine Vielzahl von Gruppen und Initiativen nutzt die Räume für Büros, Treffen und Veranstaltungen. Das Spektrum der Gruppen und Veranstaltungen ist dabei sehr vielfältig - wie aus dem folgenden kleinen Überblick zu ersehen ist.

Im Kollektiv für Kunst, Kultur und Kommunikation (KuKKuK) arbeiten KünstlerInnen in Ateliergemeinschaft (Bereich Darstellende Kunst: Puppenspielwerkstatt; Theater- und Tanzworkshops, Aktionskunst, Theaterpädagogische Gesprächsrunden - Bereich Bildende Kunst: Malerei, Bildhauerei, Photographie).

Arbeitsschwerpunkte der Dokumentationsstelle der Antirassistischen Initiative sind Recherche und Veröffentlichung der Auswirkungen staatlicher und gesellschaftlicher Gewalt auf Flüchtlinge. Unlängst erschien die 13.Auflage der Dokumentation "Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen". Diese Arbeit ist in ihrer Aktualität (1993 bis 2005) und ihrem Umfang (4700 Einzelgeschehnisse) einmalig in der BRD und deshalb seit Jahren eine wichtige Informationsquelle für alle Menschen, die im Bereich "Flüchtlingspolitik" arbeiten.

Die Gruppe Libertad! Berlin organisiert von hier aus ihre Arbeit zu politischen Gefangenen weltweit.

Die Initiative Zukunft Bethanien (IZB) hat hier ihr Büro mit regelmäßigen Öffnungszeiten und als Zentrale der Kampagne für das (inzwischen erfolgreiche) BürgerInnenbegehren zur Zukunft des Bethanien.

Im G8-Büro werden Informationen zum G8-Gipfel im Sommer 2006 in Russland und im Sommer 2007 in Heiligendamm bei Rostock gesammelt und der Widerstand dagegen organisiert.

Die BUKO (Bundeskoordination Internationalismus, ein bundesweiter Zusammenschluss entwicklungspolitischer Aktionsgruppen) hat ebenfalls ihr Aktionsbüro im Südflügel. Hier wurde u.a. der 29. BUKO-Kongress organisiert, der im Mai 2006 in Berlin zu den Themen Stadt/Sicherheit, G 8, Migration/Kolonialismus und Energie stattfand.

Die Kolumbienkampagne arbeitet zu Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien und unterstützt u.a.Menschenrechtsarbeit vor Ort.

Bei der regelmäßig stattfindenden DruzbaR gibt es Essen, Getränke, Musik und Cocktails zum Selbstkostenpreis, oft verbunden mit politischen Veranstaltungen zu verschiedensten Themen, Konzerten oder Filmen.

Die wöchentlich stattfindende Transnationale Noche Latina verbindet gemeinsames Essen, politische Filme aus Lateinamerika und Diskussion.

Beim Anarchistischen Infocafe gibt es zwei bis drei Mal im Monat Veranstaltungen zu diversen Themen (Geschichte und Geschichtsbegriffe, Arbeitsverhältnisse etc.).

Jeden Sonntag gibt es beim Kiezcafe mit Kaffee und Kuchen das Angebot des offenen Treffpunktes, bei dem verschiedenste Menschen die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen und zu vernetzen, oftmals ergänzt durch ein kleines Rahmenprogramm (Kinderveranstaltungen, Tortenwettbewerb, Infoveranstaltungen).

Sportgruppen treffen sich regelmäßig, um selbstorganisiert Capoeira zu trainieren sowie Yoga zu praktizieren.

Diverse Gruppen nutzen die Räume für Treffen oder öffentliche Veranstaltungen zu diversen Feldern emanzipativer Politik (Frauenkoordination gegen den G 8, Mütter setzen Grenzen, Cafe Morgenrot, No Service, Hans-Böckler-Stiftung, regionale und überregionale Vernetzungsprojekte und viele mehr).

Selbstorganisierte Zusammenhänge von Menschen mit migrantischem Hintergrund treffen sich hier regelmäßig und führen öffentliche Veranstaltungen durch.

Eine Offene Arbeitsbibliothek mit bereits über 1000 Büchern unterstützt diverse politische Gruppen bei ihrer Arbeit, steht aber auch allen anderen Interessierten zur kostenfreien Weiterbildung zur Verfügung.

Internationale KünstlerInnen, AktivistInnen und ReferentInnen nutzten regelmäßg die angebotenen Übernachtungsmöglichkeiten.

Zwölf Wochen lang fanden Theaterproben zu dem Stück "Biene Maja und die Folgen des Faschismus" statt, das derzeit in Berlin und Hamburg gespielt werden wird. Eine Frauentheatergruppe probt wöchentlich für eine Aufführung im Herbst, tagsüber werden Räume von einer Improvisationstheater-Gruppe genutzt.

Die Städtepartnerschaftsgruppe Kreuzberg - Nicaragua/ San Rafael probte hier für ihren Auftritt beim Karneval der Kulturen.

In Zusammenarbeit mit dem Lektorat für Baskisch an der Freien Universität Berlin organisierte die IZB im Mai hier eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Erinnerung an Gernika - Gernika gogoratuz" zu der Zerstörung Gernikas durch die Legion Condor 1937 und der deutschen Erinnerungspolitik in West und Ost.

Ideenwerkstätten zur Zukunft des Bethanien wurden hier durchgeführt. Regelmässig finden Offene Kieztreffen zu aktuellen Themen mit AnwohnerInnen und selbstorganisierten Basisorganisationen statt.

 


Die NewYorck im Bethanien

Die NewYorck ist, ebenso wie die Musikschule, die Druckwerkstatt und das KünstlerInnenhaus, ein eigenständiges und unverwechselbares Projekt, das eine Ausstrahlung über den Kiez hinaus bereits entwickelt hat und weiter ausbauen wird. Es ist eine wertvolle Bereicherung für den Bezirk, die Stadt Berlin und natürlich das Bethanien selbst. Nachts belebt die Existenz der NewYorck den sonst dunklen Park (übrigens bis heute Ort vielfältiger, oft gewaltsamer Übergriffe). Tagsüber wird die NewYorck von ganz verschiedenen Menschen besucht und trägt dazu bei, das Bethanien-Hauptgebäude für ganz unterschiedliche Menschen attraktiv zu machen.
Die NewYorck versteht sich als Teil eines größeren Zusammenhangs. Sie ist vielfach vernetzt mit anderen Projekten in Kreuzberg und Berlin, in Deutschland und Europa, und über Europa hinaus. Die New- Yorck ist ein tragendes Element innerhalb des Gesamtkonzeptes der IZB für ein "Bethanien von Unten" und gerade für die Öffnung des Hauses nach außen und bei der Einbindung neuer Gruppen und Personen in das Gebäude unverzichtbar. Sie ist das Projekt, das nicht nur wegen seiner Praxis immer wieder Impulse für die Umsetzung des Konzeptes geben kann.

 

Berlin Kreuzberg, August 2006

 

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